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springerin 1/12. Bon Travail

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springerin 1/12. Bon Travail. 2012 [Cover]
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Wien / Österreich

Year / Date

2012

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Umfangsangabe: 96 S. : Zahlr. Il. // Gute Arbeit leisten. Wer könnte dieser allgemeinen Maxime nicht beipflichten, egal ob von künstlerischer oder kritisch-theoretischer Seite? Sich arbeitsmäßig auf etwas einzulassen impliziert fast unweigerlich, dies nach Maßgabe aller zur Verfügung stehenden Kompetenz zu tun. Nichtstun oder das, was zu tun ist, nicht gut genug auszuführen ist schlichtweg keine Option. Eine Art »No-No« im flexibilisierten und verstärkt auf kritischer Kreativität aufbauenden Kapitalismus. Was aber, wenn die Arbeit – sei es vom Angebot oder ihrer Verwertbarkeit her – immer mehr verschwindet? Was, wenn sie tendenziell immer mehr wird, wie die zunehmende Vermischung von Arbeit und Freizeit nahelegt? Eine eigentümliche Doppelbewegung scheint das Konzept der Arbeit unter den gegenwärtigen welt- und krisenökonomischen Bedingungen erfasst zu haben: auf der einen Seite ein signifikanter Schwund, zumindest in der westlichen Welt, mit markanten Auswirkungen in sozialer wie kultureller Hinsicht; auf der anderen Seite ein unübersehbares Ansteigen, manifest in den vielen ausgelagerten, deregulierten und informellen Ökonomien rund um den Globus. Oder näher am eigenen Herd: das Eindringen von Arbeitsaspekten oder -prozessen in ehemals »arbeitsferne« Bereiche wie Privatleben, Rekreation oder soziale Beziehungen. Das Heft »Bon Travail« fragt nach der Spezifik und Omnipräsenz dieser schönen neuen und gleichzeitig auch wieder nicht so schönen Arbeitwelten. Wie wirkt sich das Weniger-Werden von herkömmlicher Arbeit aus, wenn sich zugleich ein unermüdliches Tätigsein in immer mehr Lebensbereiche hineinzieht? Lassen die Arbeitsmodalitäten der Kunstwelt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Entwicklungen zu? Welche Vorboten eines postprekären Lebens sind, falls überhaupt irgendwo vernehmbar, aus aktuellen Kunstpraktiken erschließbar? Pascal Jurt rekapituliert in seinem Beitrag das Auftauchen des Prekaritätsbegriffs im Kunstbetrieb und fragt nach den Widerstands- und Aktionsformen, die bislang gegen die um sich greifende Prekarisierung entwickelt wurden. Jurt richtet den Blick auf die in Frankreich seit einiger Zeit erhobenen Forderungen von freien Kulturschaffenden und sieht darin ein Nachwirken der »postoperaistischen« Bewegung, jenen in Italien ab Beginn der 1970er-Jahre durchgeführten Untersuchungen von immaterieller Arbeit, deren implizite Militanz immer noch eine Art uneinholbaren politischen Horizont bildet. Ergänzend spricht Franco »Bifo« Berardi, einer der Protagonisten dieser Bewegung, im Interview über die aktuellen Auswirkungen von Immaterialisierung und Flexibilisierung. In Zeiten der »Soul at Work«, wie eines seiner Bücher heißt, nähmen nicht nur psychische Leiden rasant zu, es sei auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die einst die Idee der Emanzipation (von Arbeit, Gesellschaft und Kunst) antrieb, nachhaltig verstellt. Aber ebenso wenig wie Berardi damit in eine allgemeine Apokalyptik einstimmt, geben sich die übrigen Beiträge dieses Hefts dem schnöden Befund der Ausweglosigkeit und Endloskrise geschlagen. Süreyyya Evren fragt in Bezug auf Arbeitsthematisierungen unter türkischen GegenwartskünstlerInnen, welche Art von libidinöser Ökonomie sich in der weithin grassierenden Prekarität verbirgt. Ist es das reine Ausgebeutet-Werden oder ist in den heute gängigen flachen Hierarchien vielleicht auch ein einvernehmlicher Sadomasochismus mit angelegt? Kerstin Stakemeier greift den Diskurs über das Immateriell-Werden von Arbeit an einem Punkt auf, an dem kunsttheoretisch die Selbstüberschreitung bzw. Entgrenzung des Werkbegriffs in den Mittelpunkt rückte: Adornos These von der »Entkunstung der Kunst« wird so zum Ausgangspunkt, um über das historische Aufkommen der Idee von Kunst als Arbeit (»Art Workers«) zu reflektieren. Gleichzeitig kommt Stakemeier zu der Diagnose, dass KünstlerInnen aktuell wenig bis gar nichts zu den Reproduktionsbedingungen ihres Felds zu sagen haben. Nichtsdestotrotz werden derlei Reproduktionsbedingungen, so punktuell dies auch sein mag, von einer Reihe aktivistischer Ansätze anvisiert, die hier beispielhaft vertreten sind: die Aufrufe der englischen Precarious Workers Brigade etwa oder die Boykott-Bewegung gegen die Kulturgroßbauten in Abu Dhabi, die von der sogenannten Gulflabor Coalition getragen wird. In Zusammenhang mit der inzwischen über mehrere Länder verbreiteten Occupy-Initiative künden sie von einem Nicht-Stillhalten – einem immer wieder hochbrandenden Begehren, die Arbeits- und Reproduktionsbedingungen der 99 Prozent, die so gut wie nichts besitzen, aber ihre Arbeit immer noch gut verrichten, einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. [Quelle: www.springerin.at, 23.11.2017]

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