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Artists as Catalysts

04.07.2013 - 08.09.2013

Alhondiga Bilbao, Bilbao / España

>>>>> Die Liste der Beteiligten dieser Gruppenausstellung ist unvollständig. Hinweise bezüglich weiterer Beteiligter nehmen wir gerne entgegen.
>>>>> The list of participants of this group exhibition is not complete. Please contact us if you have information about further participants. [basis wien, 25.04.2017]



„All artists are alike. They dream of doing something that’s more social, more collaborative, and more real than art.” Dan Graham

Mit diesem provokativen Statement beginnt Claire Bishop ihr Buch Artificial Hells, das im Jahre 2012 erschienen ist und die Erarbeitung dieser Ausstellung beeinflusste.... Und es begann fast zur selben Zeit als die neu designierte Direktorin Lourdes Fernández der Alhóndiga Bilbao, einer von Philippe Starck neu renovierten kulturellen Institution, uns in Linz im Ars Electronica Center besuchte, um erstmals über gemeinsame Kooperationsprojekte nachzudenken. Produkt dieser Liaison als auch der zeitgleichen thematischen Beschäftigung über mehr als ein Jahr hinweg ist nun eine Ausstellung, die am 4. Juli 2013 unter dem Titel „Artists as Catalysts“ in der Alhóndiga Bilbao eröffnet wurde und bis 8. September 2013 zu besuchen sein wird.

Zugegeben, es ist nicht die neueste Einsicht, dass künstlerische Prozesse und Werke katalysatorischen Einfluss auf Ihr Publikum haben. Und es ist bereits mehr als hundert Jahre her, dass Kunstwerke entstehen, die von Künstlern/innen aufgebrochen werden und Partizipation und Teilnahme durch sogenannte Nicht-Künstler eröffnet: Ein Mitwirken, das nicht ausschließlich in der Begutachtung und Interaktion mit dem fertigen Werk liegt, sondern bereits im Prozess der Erarbeitung des Werkes beginnt. Und es geht auch um ein künstlerisches Aufbrechen, das die Themen der Zeit wiederspiegelt und soziale und politische Anliegen transportiert. Ein gesteigertes soziales als auch politisches Interesse, das Künstler/innen bewegt und sie in ihren Arbeiten darauf reagieren lässt. All diese Umstände lässt Kunst seitdem immer öfter außerhalb bestehender Kunsthäuser und im Alltag von Menschen auftauchen.

Hat die Ausstellung nun den Titel „Artists as Catalysts“ so sind genau jene Künstler/innen gemeint, die den Mut haben, ihren künstlerischen Prozess aufzubrechen und sich mit Themen und Menschen zu konfrontieren, um sich selbst und ihr Publikum einem ständigen Wandlungsprozess zu unterziehen. Denn Katalysatoren bereiten Prozesse auf, beschleunigen Prozesse, ohne dass sie sich selbst auflösen. Diese Beschreibung vom Wesen und Funktion von Katalysatoren verbildlicht auch ein wichtiges Merkmal in die Ausstellung: Der künstlerische Prozess. Bereits im Eingangsbereich zur Ausstellung ist erkennbar, dass es hier um die Künstler/innen geht. In einem eigens konzipierten Präsentationsraum werden zu aller erst die Künstler/innen vorgestellt, ihr Denken, ihre Arbeitsweisen, ihr Alltag und Informationen, wie es zu der Entstehung der ausgestellten Werke, Installationen und präsentierten Artefakte kam. Erst wenn die Besucher/innen ihren Weg dann fortsetzen, sind sie mit ihren Arbeiten konfrontiert.
Die Ausstellung ist gegliedert in drei thematische Schwerpunkte: Environment and Sustainable Future, Control and Manipulation of our Mediatized World, Find Your Voice and Express Yourself. Die Auswahl der Themen und Künstler/innen spiegelt eine Momentaufnahme künstlerischer Sichtweisen und Schwerpunktthemen heute wider. Beeindruckend zum Beispiel ist die Wasserbecken-Installation „Earth“ von Finnbogi Pétursson, die im ersten Teil der Ausstellung auf das Thema Umwelt und Zukunft hinweist. Der isländische Künstler Pétursson visualisiert die Eigenfrequenz der Erde und macht mittels diesen niederfrequenten Tons unseren Planeten auch hör- und spürbar. Sein Anliegen scheint es zu sein, dass wir ein sehr abstraktes Verhältnis zu unserem Planeten haben, der jedoch lebt und mit uns gemeinsam schwingt. Ähnlich dazu das Projekt „Protei“ von Cesar Harada von der Open-H20 group for ocean sensing and cleaning. Er baute mittlerweile gemeinsam mit einem Online-und Offline-Kollektiv an Künstlern, Designern und Wissenschaftlern einen ganzen Fuhrpark an unterschiedlichen Segeldrohnen. Sein Ziel ist es, mit interessierten Personen auch weiterhin Segeldrohnen zu entwickeln, die bezüglich der unterschiedlichen Arten der Verschmutzung unserer Gewässer eingesetzt werden können. Die Frage, wie es mit der Ressource Energie in Zukunft weitergeht, wird in der Arbeit „Energy Parasites“ von Eric Paulos persifliert. Er baut von Hand Apparaturen, die parasitär Energie abzapfen, egal woher die Energie kommt oder wem die Energie gehört. Der amerikanische Künstler Paulos will mit diesem Projekt Energie materialisieren und anregen, über andere Formen der Verteilung nachzudenken oder zu kreativer Formen der Energiegewinnung und -speicherung inspirieren. Als letzte Arbeit in diesem Themenzyklus präsentiert der niederländische Künstler Daan van den Berg sein 3D Printer Produkt „Merrick“ und zeigt uns einmal mehr auf, wie wir einerseits in sehr naher Zukunft unsere Gegenstände des Alltags selbst produzieren können. Da der Holländer jedoch bei diesem Projekt die Datenbank mit CAD Files von IKEA hackte, macht er gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es bezüglich nachhaltiger Zukunftsideen auch kreativen Eigensinn benötigt und nicht nur technologische Entwicklungen, die standardisierte Massenobjekte generiert.

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich dem Thema Kontrolle und Manipulation unserer mediatisierten Welt. Die bekannte Trilogie „Desire of Codes” von der japanischen Künstlerin Seiko Mikami besticht mit ihren simplen Funktionen der Überwachung. Ja sie steigert das Gefühl der Überwachung noch, indem sie sogenannte Überwachungskreaturen schafft. Ursprüngliche Apparaturen, wie wir sie aus öffentlichen Plätzen und Gebäuden kennen, bekommen Züge und Bewegungen von Lebewesen eingehaucht und lassen uns erschauern. Dem gegenüber präsentiert sich die Arbeit „Street Ghosts“ von Paolo Cirio. Der italienische Künstler hinterfragt Gesetzmäßigkeiten des öffentlichen Raumes und zeigt, wie Überwachung heutzutage eigentlich verharmlost wird. Er bringt die Personen, die auf Google Street View zu erkennen sind in den realen Raum zurück. Zwei öffentliche Räume, die jedoch ganz unterschiedlichen Spielregeln ausgesetzt sind. Am Beispiel von Google Street View in Bilbao wird so mancher Einheimische überrascht sein, dass er/sie nicht nur Teil einer Aktion zur Ausstellung ist sondern auf Ewigkeiten in den digitalen öffentlichen Raum eingegangen ist. Der öffentliche städtische Raum und seine Überwachung ist auch Inhalt der Installation „Faceless“ von Manu Luksch. Die Österreicherin, die in London seit vielen Jahren ihren fixen Wohnsitz hat, begann 2002 bereits mit dem Faceless Project, bei dem sie alle Eigentümer von Videoüberwachungskameras um die Herausgabe der Filmdaten bat, auf denen sie selbst darauf zu sehen war. Das Material war somit die Grundlage für ihren Videozusammenschnitt, ihr Manifest und ihre Installation, die in der Ausstellung zu sehen ist. Auch um Gesichter handelt sich ein anderes Projekt dieser Themenreihe: „Face to Facebook“ von Paolo Cirio und Alessandro Ludovico. Rund eine Million Facebook Profilbilder und –Daten wurden aufgrund eines selbst geschriebenen Programmes der Künstler gestohlen. Die Daten flossen in eine eigens von den Künstlern geschaffenen Datingwebsite ein. Sobald Facebook den Diebstahl merkte und als die ersten nicht gewollten Dating-Konfrontationen stattfanden, startete eine Lawine an Beschwerden, Drohungen aber auch Interessensbekundungen. Für die Ausstellung wurde die damalige Website, die umgehend offline gestellt hat werden müssen, wieder aktiviert und wird im Kiosksystem präsentiert. Ein weiteres subversives Manipulationsprojekt ist „Newstweek“ von Julian Oliver und Daniil Vasiliev. Mittels diesem Gerät, das in Steckdosen gesteckt und mit dem öffentlichen WLAN Netzwerk verbunden wird, können Websiten bis zur Unkenntlichkeit manipuliert werden. Wer kontrolliert wen? Wer manipuliert wen? Die Künstler hinterfragen wie mit Information umgegangen wird, wie Information eingesetzt wird, dass sie das Kreieren und die Wahrnehmung von politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Realitäten beeinflusst?

Dritter und letzter Thementeil der Ausstellung behandelt den Wunsch: Find Your Voice and Express Yourself. Es geht um eine aktive Teilnahme an der Entstehung der Arbeiten oder ein Interagieren mit den Arbeiten.

Matthew Gardiner ist ein australischer Künstler, der im Ars Electronica Futurelab ein Artist in Residence Programm absolvierte und mittlerweile als fixer Mitarbeiter das Team des Futurelabs unterstützt. Er beschäftigt sich mit Robotik und ist fasziniert von Origami. In seinem Werk „Oribotics“ vereint er diese beiden Leidenschaften. Gardiner stellt seine Objekte im Fablab im Ars Electronica Center her und bindet auch die Besucher/innen im Museum in die Erarbeitung der Objekte ein bzw. stellt die Bauanleitungen Open Source. In seiner neuesten Installation “Light is time, folds are space”, die so noch nie präsentiert wurde, bilden 400 gefaltete Elemente ein sogenanntes Nano-Surface, das durch bewegliches Licht seine Oberfläche immer wieder zu verändern scheint.

In Form eines Workshops wird auch das Projekt „The Free Universal Construction Kit“ von Golan Levin und Shawn Sims erarbeitet. Es handelt sich dabei um die Erstellung ein Satzes funktionierender Adapterstücke zwischen zehn bekannten Spielzeugbaukästen (Lego, Duplo, Fischertechnik, Gears! Gears! Gears!, K’Nex, Krinkles (Bristle Blocks), Lincoln Logs, Tinkertoys, Zome und Zoob). Ziel des Workshops wird es auch sein über geistiges Eigentum, Open-Source-Kultur und Reverse Engineering als Kulturtechnik nachzudenken und zu diskutieren.

Speziell für diese Ausstellung erarbeitete das Ehu Zarata Lab (bestehend aus den drei Baskischen Künstlern Josu Rekalde, Mikel Arce und Enrike Hurtado) die interaktive Arbeit „Think Silently Act Noisily“. Es handelt sich dabei um eine Rauminstallation aus zwei grünen Tafelwänden, die mit weißer Kreide beschrieben und mit unterschiedlichsten Sensoren hinterlegt werden. Sobald Besucher/innen die Tafelwände beschreiben, nehmen Sensoren das Geräusch und die Bewegung ab, die zentral von einem Rechner manipuliert wieder an die Besucher als Soundinformation zurückgeschickt wird. Es entsteht eine Endlosschleife paradoxer Kommunikation zum Thema „Find Your Voice and Express Yourself“ an einem Ort, der ein Werk, einen Prozess und Besucher/innen gleichwertig miteinander vereinigt.

Mit dieser Ausstellung wollen wir ganz unterschiedliche Prozesse und Reaktionen zeigen, die von Künstler/innen als Katalysatoren ausgelöst wurden. Künstler/innen sind diese Enzyme, diese intellektuellen Proteine unserer Zeit, die wichtige Themen destillieren und uns Prozesse zeigen, die unsere Wahrnehmung von unserer Welt immer wieder aufs Neue hinterfragt.

Manuela Naveau

[Quelle: export.aec.at]

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