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Weiterleben. In anderen Worten über Leben?

18.11.2016 - 08.01.2017

xhibit, Wien / Österreich

u.a. mit Werken von Produzent_innen der Kayapó, Tucano und Karajá

Für viele Gesellschaften bedeutete das koloniale Projekt der Moderne das Ende der Welt – lange vor den ökologischen Katastrophenszenarien der Gegenwart und der Rede vom „Anthropozän“ als dem Erdzeitalter, das durch den menschlichen Eingriff in die Erde geprägt ist. Die Ausstellung Weiterleben | In anderen Worten über Leben? verbindet postkoloniale, ökologische und ökonomiekritische Diskurse zu einer Befragung von möglichen Ausdrucksformen des Sozialen angesichts der Zerstörung von Lebenswelten und der weitgehenden Verdrängung lokaler Geschichtsauffassungen.... Weiterleben bringt zeitgenössische künstlerische Reflexionen des Lebens nach dem Ende der Welt mit indigenen ästhetischen Produktionen der Kayapó, Tucano und Karajá aus Brasilien und Thomas Enders Darstellungen der brasilianischen Landschaft zusammen, die im Kontext einer österreichischen Expedition vor 200 Jahren entstanden sind, als der globale Wettlauf auf die Ressourcen Südamerikas einsetzte.

Das Ausstellungs- und Rechercheprojekt erprobt in Anlehnung an Jacques Derridas Essay Überleben1 eine intertextuelle Übersetzung von geographisch scheinbar disparaten Narrativen zu Ereignissen nach dem Ende der lokalen Geschichtsschreibung. Landschaftsansichten aus Brasilien, Obermesopotamien, Österreich, Kuwait und der afrikanischen Diaspora veranschaulichen im semiotischen wie architektonischen Raum Strategien und Ökologiebewegungen der lokalen Bevölkerung, die über die liminale Aufhebung von Leben hinaus fortbestehen. Eine lang angekündigte Apokalypse, die nicht einzutreten vermag.

In drei Kapiteln nähert sich die Ausstellung aus der Sicht der kritischen (native, horizontal, anarchist) Anthropology diesem Themenfeld an, aktiviert afrofuturistische, feministische, literarische und medienarchäologische Bilder und betont die ökonomischen, sozialen und historischen Aspekte von Narrativen zum Ende der Welt. Wie leben Erfahrungen, Bilder und Menschen am Ende einer von ihnen als Ende der Zeit empfundenen Geschichte weiter? Gibt es außerhalb der kontrollierten Geschichtsschreibung Möglichkeiten des Ausdrucks, die es erlauben, auch außerhalb solcher historischen Ereignisse und darüber hinaus zu bestehen?

Die künstlerischen Positionen der Ausstellung behandeln Erinnerungen an Genozid, Massaker und Entortung sowie die damit einhergehende Ökonomisierung und Erfahrung von Landschaft/Natur – eine erfahrbare Welt, die unablässig und lebendig von kolonialen Geistern heimgesucht wird. Die kulturhistorischen Bezüge untersuchen im Dialog mit den zeitgenössischen Positionen historische Kontinuitäten zwischen Kolonialismus und dessen Fortführung im Zuge von Klima- und Umweltpolitik im Globalen Süden im Sinn von Bruno Latours Konzept der „Diplomatie“2.

1 Jacques Derrida, „Überleben“, in: ders., Gestade, Wien: Passagen 1994 (1985), S. 119–217; Erstveröffentlichung engl. als „Living On. Borderlines“, in: Harold Bloom, Paul de Man, J. Derrida, Geoffrey H. Hartman und J. Hillis Miller, Deconstruction and Criticism, New York, NY: Continuum 1979, S. 75–176; frz.: „Survivre“, in: J. Derrida, Parages, Paris: Galilée 1986, S. 119–218.

2 Bruno Latour, „Guerre et paix des cultures“ (2000), in: Ethnopsy. Les mondes contemporains de la guérison, Nr. 4, Sonderheft: Propositions de paix. Colloque de Cerisy, Paris 2002, S. 61–80; dt.: B. Latour, „Krieg der Welten – wie wäre es mit Frieden?“, Berlin: Merve Verlag 2004.

[Quelle: akbild.ac.at]

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last modified at 10.01.2017


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