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SECTOR 17

29.04.2015 - 31.05.2015

Galerie Martin Janda, Raum aktueller Kunst, Wien / Österreich
Vienna Gallery Weekend 2015, Wien / Österreich

Prozesse soziokultureller Veränderungen durch räumliche bzw. architektonische Eingriffe sind ein wiederkehrendes Thema im Werk von Adrien Tirtiaux. Rampen bzw. schiefe Ebenen kommen dabei als Mittel dieser Transformationen häufig zum Einsatz, was seine Arbeiten in die Nähe zu avantgardistischen Strömungen der frühen Moderne bringt: „In modern and early-modern times, such ramps and slopes more than once served as spatial vehicles to ‘lift’ the viewer out of society and into the revolutionary project.... From the revolving staircase in Tatlin’s Monument to the Third International (1919–20) to the elevated plans and platforms of Mies situated over and above the city, ramps, stairs, and lifts have functioned as the basic spatial tools for a modern and ‘elevatory’ revolution. In Tirtiaux’s case, however, no revolution is at stake. His ramps and ascensions do not issue an image of a social ideal or ideal society but focus on the idea and the operation of upturning itself.”1.

Auch der Revolution Tower (2014), ein System aus Modulen mit zunehmender Größe, ist ein solches Mittel zur Selbstransformation innerhalb der Gesellschaft: ein Behelf, um Veränderungen bottom up, also aus der Gesellschaft heraus anzuregen.
Durch Kippen und Stapeln der Module entsteht ein Turm, der theoretisch immer weiter in die Höhe gebaut werden kann. Der Maßstab der einzelnen Module bleibt aber menschlich – durch das Kipp-System wird kein Kran benötigt, lediglich immer mehr Menschen, die mithelfen. Im Rahmen von Hotel Charleroi: La Force Du Changement (2014 in Charleroi, Belgien) wurde mit drei dieser Module ein Turm von 6,30 m Höhe kollektiv gebaut. Das größte Modul diente während der mehrtägigen Veranstaltung auch als temporäre Architektur, die u.a. als überdachte Bar genuzt wurde.

Die Ausstellung SECTOR 17 in der Galerie Martin Janda versammelt künstlerische Positionen, die Architektur als Recherchefeld und Referenzpunkt auf unterschiedliche Weise miteinander verbindet.

Werner Feiersinger beschäftigt sich seit langem mit spezifischen Gebäuden der Moderne, insbesondere mit den Bauten von Le Corbusier. Diese Auseinandersetzung geschieht einerseits in Form einer akribischen Recherche, andererseits ist sie gekennzeichnet durch einen freien Umgang mit dem Untersuchungsgegenstand, durch eine Loslösung von diesen Ikonen der Moderne und ein Freispielen von kanonischen Wahrnehmungs- und Darstellungsmodi.
Sowohl in seinen skulpturalen Arbeiten wie auch in den Fotografien geht es um „Übergangszonen zwischen subjektivem Bick und analytischer Beobachtung, zwischen autonomem Objekt und funktionalen Verwendungszusammenhängen, zwischen Architektur, Design und Kunst“2.
Nach zahlreichen Reisen zu den Gebäuden Le Corbusiers in Europa besuchte Werner Feiersinger 2013 Chandigarh: Die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Punjab wurde in den 1950er-Jahren nach Plänen Le Corbusiers und Pierre Jeannerets von einem Team internationaler und indischer Architekten errichtet und ist eine Ikone des modernen Städtebaus. In Feiersingers Fotografien steht jedoch nicht das Dokumentarische im Vordergrund, sondern der spezifische Blick aus seiner bildhauerischen und künstlerischen Praxis heraus: auf die expressiv-skulpturalen Qualitäten der Bauwerke, Volumen, Körper, Strukturen, Materialien, Oberflächen und deren Verhältnisse zueinander.
Der Fokus auf oft übersehene Details, auf Objekte und ihre Zusammenhänge sowie auf Alltagsgegenstände spielt auch für Feiersingers Skulpturen eine wichtige Rolle. Ein Leiterobjekt, plastisch aus dicken Rohren gefertigt, liegt im ersten Raum der Galerie, eine Funktion vortäuschend, welche allerdings nicht eingelöst wird. Die Skulptur ist beige grundiert und angeschliffen, wie vorbereitet für den Schlussanstrich, der jedoch nicht erfolgt. Durch den Anschliff kommt an einigen Stellen der Edelstahl zum Vorschein. „Ich nehme die Perfektion der Herstellung wieder zurück, die Objekte wirken spröde und mehrdeutig. Es geht mir um diese Ambiguität. Zugleich sollen die Skulpturen wie Konzentrate sein.“ (Feiersinger)

Material, Oberfläche, Platzierung und Form sind auch in den Werken von Andreas Fogarasi wichtige Themen: Mirror Ring (2012), ein Zylinder mit Spiegeloberfläche, ist mit dünnen Stahlseilen im zweiten Raum der Galerie verspannt. Diese spektakuläre Geste referiert auf Utopien der Moderne (Schweben / Fliegen / Schwerelosigkeit), aber auch auf Post-Minimal Art (Vermessen des Raumes / Beziehung zum Körper). Die gekurvte Spiegeloberfläche weckt Assoziationen zu Architekturmodellen, gleichzeitig reflektiert sie den gesamten umgebenden Raum und lenkt die Aufmerksamkeit der Betrachter auf das Innen und das Außen.
Um den Versuch einer dokumentarischen Skulptur geht es Fogarasi auch in zwei Wandarbeiten:
Roof Study 09 (2015), ein präzise gefaltetes Aluminiumblech mit aufkaschiertem Buchbinderleinen, lässt an ein dysfunktionales Modell einer Dachkonstruktion denken, thematisiert jedoch auch das gebräuchliche Kaschieren von Fotografien auf eine Aluplatte. Im Gegensatz zu einem konkreten Bild wirkt die Kombination von Aluminium und grauem Leinen zeichenhaft, wie ein Buchstabe aus dem Flaggenalphabet.
Zwei gegensätzliche Materialien und deren Eigenschaften kombiniert Study 10 (2015): Dunkelroter Marmor und hellbraune Leinwand bilden ein hybrides Objekt. „Der Marmor steht für all das, was wir mit ihm verbinden – Wert, Beständigkeit, (finanzielle) Macht, Schönheit, Fassade / Verblendung. Es geht um den dokumentarischen Gehalt in der Materialität, das Objekt erinnert aber auch ein doppeltes Materialmuster, wie im Baumarkt oder Architekturbüro werden Oberflächen zum Vergleich präsentiert.“ (Fogarasi)

Anna Artakers und Meike S. Gleims Gemeinschaftsprojekt ATLAS VON ARKADIEN präsentiert Fragmente einer Sozialgeschichte in Bildern. Mit Bildmontagen werden urbane und technologische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in ihrer gesellschaftlichen Dimension analysiert. Die Bilder selbst fungieren dabei als eigenständige Analyseinstrumente. Vorbild für dieses Verfahren ist das Passagen-Werk (1929–1940) des Philosophen Walter Benjamin (1892–1940): der Entwurf einer Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Stadt Paris.
Im Untergeschoß der Galerie ist die Arbeit PENDANTS (2012–2014) zu sehen: Als Puzzles ausgearbeitete Bildpaare, verbunden durch den Austausch von Puzzleteilen.
Die Übertragung des Kapitels „Eisenkonstruktion“ greift Benjamins Beobachtung auf, dass die technisch innovative Eisenarchitektur anfänglich klassizistische Formen imitierte und so das innovative Potenzial des Materials vernachlässigte. Dies betrifft nicht nur das Baumaterial Eisen. Formen, die zur Zeit ihrer Entstehung technologischen und sozialen Fortschritt versprachen, tauchen Jahrzehnte und Jahrhunderte später in dystopischen Kontexten wieder auf: Die utopische Kugelarchitektur des französischen Architekten Claude-Nicolas Ledoux (1736–1806) wird in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Form von Radaru¨berwachungsanlagen realisiert; die barocke Gartenarchitektur von Versailles wird vom Palmenornament des Palm Jumeirah Ressorts in Dubai in ihrer Größenordnung u¨bers menschliche Maß hinaus u¨bertrumpft. Dennoch bleibt die ku¨nstliche Insel im persischen Golf demselben ornamentalen Stil verhaftet.
Die Bildmontagen zum Thema der wiederkehrenden Bauformen verwenden das Puzzle als Montageprinzip. Bildpaare, die ähnliche Bauformen zeigen, werden als Puzzles ausgearbeitet und verbunden bzw. kontrastiert, indem einzelne Puzzleteile zwischen den Bildern vertauscht werden.

[…] Sharon Ya’ari hat mit seiner fotografischen Arbeit eine andere Richtung eingeschlagen, als sie in der imposanten, spektakulären, künstlerischen/kommerziellen und auf Farbe ausgerichteten „Fotografie nach der Fotografie“ verfolgt wird. Er besinnt sich auf Vergangenheit und Geschichte und fokussiert seine Aufmerksamkeit auf das Medium selbst. Die Ästhetik der klassischen Schwarz-Weiß-Fotografie, die sublime Landschaften produzierte, wird hier – in der Darstellung des Unartikulierten, Geschwächten, „Verstümmelten“ – als künstlerisches Mittel eingesetzt, um aus den Nebenschauplätzen und Objekten die Schönheit zu extrahieren, die der nunmehr von Verfall gekennzeichneten Bauhaus-Architektur von Tel Aviv innewohnt.
Der Fotograf lebt im Zentrum von Tel Aviv. Wenn auch sein Zuhause, seine Familie und sein Kind nicht auf den Bildern zu sehen sind, so bilden sie doch den Mittelpunkt des Kreises, die Achse, um die sich der fotografische Akt vollzieht. Im Umkreis von 500 Metern sind auf diese Weise zahlreiche Aufnahmen entstanden, und es können noch mehr werden. Ya’ari fotografiert schäbige Hinterhöfe und verwilderte Gärten, weggeworfene Materialien und Objekte, verborgene Winkel und zwischen Häusern verlaufende Wege. Er folgt den „Bauhaus-Spuren“ und demontiert so das Pathos dieses architektonischen Labels, das als kulturell-konzeptuelles Skelett in das heruntergekommene Erscheinungsbild der Häuser eingeschrieben ist. Die Fassaden und die zu den Häusern führenden Gehwege erscheinen gleichermaßen peripher, wie Hinterhofszenen, die aus erhöhter Kameraperspektive eingefangen wurden. Architektur, Flora und unbelebte Objekte werden zu einer Einheit zusammengeschmolzen, fügen sich zu einer skulpturalen Konfiguration, einer Art Assemblage, die wie die „Mikroarchäologie“ Faszinierendes zutage fördern kann, ist doch die Art und Weise, wie sich Dinge in einer Stadt ansammeln und anhäufen, den Schichten einer archäologischen Fundstätte vergleichbar. […]


[Quelle: www.martinjanda.at]

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last modified at 17.07.2015


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