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Suse Krawagna

Einladung: Suse Krawagna. 2013

12.12.2013 - 20.01.2014

kunstbuero, Wien / Österreich

Ausdruck durch Design

Als Übersetzungsproblem bezeichnet Yve-Alain Bois die Übertragung eines Zitates von Henri Matisse in dem berühmten Artikel „On Modernism and Tradition“, der in der Londoner Zeitschrift The Studio im Jahr 1935 erschienen ist und dessen französische Quelle verloren gegangen ist: „A great modern attainment is to have found the secret of expression by color, to which has been added, with what is called fauvism and the movements which have followed it, expression by design; contour, lines and their direction....“ Als problematische Stelle markiert Bois „expression by design“.
Design sei ein konzeptioneller Begriff, der alle Genres überschreite und Differenzen abflache, Design sei eine projektive Praxis, die Yve-Alain Bois geradezu entgegengesetzt zu Matisse’ Auffassung von Malerei erscheint. Dass es für den Übersetzer eine Schwierigkeit darstellte, den Ausdruck „expression par le dessin“, den Bois als das Original annimmt, nicht mit „expression by drawing“ zu übersetzen, erklärt Bois mit der damals vorherrschenden Vorstellung vom Verhältnis von Farbe und Zeichnung. In Bezug auf Jacques Derridas Begriff der „archi-écriture“ entwickelt er am Beispiel von Matisse den Terminus „arche-drawing“ und meint damit, dass es, so wie Derrida die Unterscheidung von gesprochener Sprache und geschriebenem Text aufhebt, obsolet sei, danach zu fragen, ob die Zeichnung im Verhältnis zur Farbe vorläufig sei, dass es eine Errungenschaft der Moderne sei, den Ausdruck durch die Zeichnung neben den Ausdruck durch die Farbe zu stellen.

Um die Arbeiten von Suse Krawagna zu beschreiben, könnte man „expression by design“ nicht mehr als Übersetzungsfehler oder konzeptionellen Irrtum oder Zeichen für Unverständnis begreifen, sondern als Methode, um die malerische Geste, die Ausdehnung, die Quantität und die Qualität der Farbe und das Verhältnis von Größe und Maßstab von ihrer Selbstbezüglichkeit zu lösen und einen Prozess der relationalen Reflexion zu initiieren.

Die Zeichnung spielt bei Suse Krawagna eine zentrale Rolle, man könnte sie sogar als Protagonistin ihrer Arbeiten sehen. Und dennoch wäre es verfehlt, allein die grafischen Qualitäten der Zeichnung in den Blick zu nehmen. Denn die Krux besteht genau darin, dass Zeichnung und Malerei in den Bildern Suse Krawagnas einander bedingen, voneinander abhängig sind, da sie sich gegenseitig stets von Neuem infrage stellen.

Yve-Alain Bois unterscheidet zwei Konzeptionen der Zeichnung. Da wäre zum einen die Zeichnung im eigentlichen Sinn, die Zeichnung, die aufgrund ihrer technischen Möglichkeiten bestimmten Beschränkungen unterliegt, zum anderen spricht Bois von der Zeichnung als einer generativen Kategorie. Und meint damit die Möglichkeit, eine ästhetische Grammatik zu entwickeln, die nicht auf der Hierarchie der einzelnen Medien beruht, sondern auf Qualitäten, die Linienführung und Pinselstrich, Modulation, Schraffur, Farbton, Komposition und Bildraum gleichermaßen berücksichtigen. Auf diese Weise wird ein Vokabular entwickelt, das erlaubt, zeichnerische und malerische Effekte in Form einer Sprache anzuwenden. Obwohl sich Zeichnung und Malerei in ihrer Wertigkeit annähern, bleibt Bois dabei,der Zeichnung und nicht der Malerei die generative Kraft zuzuschreiben. Die Zeichnung verfügt aufgrund ihrer Eigenschaft,Abstraktion durch Konzeption zu erlangen, über das Potenzial des Entwurfs, des Plans, der Projektion.
Der von Bois negativ besetzte Designbegriff kann bei Suse Krawagna insofern ins Positive gewendet werden, als Design hier als komplexer Vorgang der Formfindung zu verstehen ist.

Suse Krawagna arbeitet hauptsächlich mit drei Formaten von Leinwänden, 50 x 40 cm, 160 x 130 cm und 200 x 160 cm. Und jedes dieser Formate wird in Serien angelegt. Oft dauert die Arbeit an einer Serie mehrere Wochen und Monate, die Bilder werden aus den jeweils vorhergehenden generiert. Das heißt, einzelne Elemente der Komposition, Farbflächen oder Lineamente werden in Reaktion, in Affirmation und im Widerstreit mit den bestehenden Motiven entwickelt. Ein transzendentes Flächenkompartiment wird etwa im darauffolgenden Bild kopiert, und der malerische Effekt der offenen Pinselspur wird präzise rekonstruiert.
Das Bildformat richtet sich nach zufälligen, oft praktischen Anforderungen, etwa Lagerung oder Trockenzeiten, und nach ästhetischen Entscheidungen, die die Relation von Motiv und Format, von innerbildlichen und außerbildlichen Bedingungen im Blick haben.
Die messbare und somit absolute Information des gegebenen Bildformates legt Suse Krawagna ihren Bilduntersuchungen zugrunde, um davon ausgehend mit Vergrößerungen und Verkleinerungen, Abweichungen und Verstärkungen im Motiv, in der Komposition, im Pinselstrich und in der Linienführung zu arbeiten. Den Ausgangspunkt bilden für Suse Krawagna oft beiläufig wahrgenommene Gegenstände oder Architekturelemente. Das können Halteschlaufen in der Straßenbahn sein, Stuhllehnen oder Klettergerüste. Gesehenes wird wie in einem fotografischen Verfahren zunächst als Spur des Realen festgehalten, wird skizziert und sodann seziert, in seine Bestandteile zerlegt, um Formzusammenhänge herzustellen und zu überprüfen.
Gegenständliches und Ungegenständliches überblendet Suse Krawagna. Sie arbeitet mit einer verunreinigten Abstraktion, die sich nicht im Anspruch des Universellen erschöpft, sondern stets von Neuem zur Disposition steht.

Suse Krawagna verfährt mit ihrem gegenständlichen und abstrakten Formenvokabular am einzelnen Bild genauso, wie sie es innerhalb der Serien fortführt. Die Zeichnung dient dabei als Modell, als diagrammatisches Verfahren, um die Abweichungen, Differenzen aufzuzeichnen, zu notieren.
Denn mit diesen Aufzeichnungen und Notationen kann ein relationales Denken im buchstäblichen Sinn anschaulich gemacht werden. Das abstrakte Formengefüge materialisiert Brüche, Differenzen, Zusammenhänge und Ordnungen.
Mehr noch können im malerischen Diagramm ästhetische Effekte in Affekte umgewandelt werden.
Die zeichnerischen und malerischen Elemente werden wie nach einem ästhetischen Bauplan auf die Leinwand übertragen und verlangen daher gewissermaßen nach Überprüfung durch Wiederholung.
Für Suse Krawagna ist das Malen als Wiederholung ein Prozess höchster Konzentration und besonderer Aufmerksamkeit gegenüber jeglicher Veränderung. Von der Konzentration gelangt sie zur Konzeption, sie beginnt,bewusst einzugreifen und mit größeren oder kleineren Änderungen die Motive, Farben und Tonwerte neu zu verschalten.
Eva Maria Stadler

[Quelle: Einladung]

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last modified at 10.01.2014


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