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Faire le vide

Einladung: Faire le vide. 2013

09.11.2013 - 21.12.2013

Neue Galerie, Innsbruck / Österreich

„Yves Klein hat es gemacht, Dziga Vertov hat es gemacht, Bas Jan Ader hat es gemacht …“, kündigte Anna Jermolaewa 2011 ihre Performance Leap into the Void or Anna, a Superwoman am Innsbrucker Flughafen an. Bis heute wirken Yves Kleins berühmte Fotomontage Sprung ins Leere (frz. Le Saut dans le vide) aus dem Jahr 1960 und das tatsächliche Verschwinden von Bas Jan Ader nach. Der niederländische Künstler Ader versuchte 1975 im Rahmen seines Projektes In Search of the Miraculous in einem kleinen Boot alleine von den USA, wo er lebte, heim nach Holland zu segeln.... Er kam nie an. Die (wissenschaftliche) Aufarbeitung des Werks von Yves Klein setzte unmittelbar nach seinem frühen Tod 1962 ein. Dem schmalen Œuvre von Bas Jan Ader wurde erst im YouTube-Zeitalter verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Seine Kurzfilme, in denen er selbst im Zentrum steht und Unzulänglichkeit, Fehlleistungen, Scheitern und Fragilität thematisiert, treffen nun den Zeitgeist. Jede_r kann sich heute als Star produzieren und seine_ihre Clips ins Internet stellen.

Die Ausstellung Faire le vide (frz. sich isolieren, absondern, [von der Konkurrenz] absetzen) zeigt anhand von drei Positionen Facetten der Konsequenzen, die die beiden hochmystifizierten Künstlerpersönlichkeiten auf die Nachwelt noch immer haben. Der Titel spielt einerseits auf Yves Klein und seine Auseinandersetzung mit der Leere (frz. le vide) und anderseits auf das Paradox von An- und Abwesenheit an. Man muss erst in Erscheinung treten, um Verschwinden zu können. Das Ausloten von (persönlichen) Grenzen, ein hoher Grad an Inszenierung – auch der eigenen Person –, Entmystifizierung durch Humor, Ironie und Slapstick sowie einen Schuss Romantik beschreiben in wenigen Worten die in der Schau versammelten Arbeiten, die alle mehr Interpretationen als klassische Re-Enactments sind.

Auch der russische Dokumentarfilmregisseur Dziga Vertov sprang 1918 in Paris aus dem Fenster und ließ sich dabei in Zeitlupe aufnehmen. Dem Pionier des Experimentalfilms gelang es in diesem Selbstversuch die Gefühle auf dem Weg nach unten festzuhalten und so für die Rezipient_innen einen neuen Wahrnehmungsraum zu schaffen. Anna Jermolaewa stellt sich in eine Reihe mit den männlichen Künstlerahnen, überwand ihre Höhenangst, wagte einen Tandemfallschirmsprung, bei dem sie gefilmt wurde, und ließ sich nach der nicht wirklich gefährlichen Aktion als Superwoman feiern. Die Schuhe, die sie dabei trug, erklärte sie zum Artefakt. Die Künstlerin rematerialisierte sozusagen mit ihrem eigenen Körper Yves Kleins Idee den Himmel zu signieren. Klein behauptete – wenig bescheiden – bereits im Alter von 18 Jahren sein erstes unendliches und immaterielles Gemälde geschaffen zu haben, indem er am Strand von Nizza liegend seine Signatur in den blauen Himmel setzte.

Ciprian Muresan inszenierte 2004 ein ähnliches Fotoshooting wie Yves Klein. Bei seinem Leap into the void, After 3 seconds liegt ein Mann auf dem Trottoir. Natürlich ist Klein in der Realität auch wieder auf den Boden zurückgekommen, obwohl er auf dem berühmten Foto geradezu abzuheben scheint. Derzeit beschäftigt sich Ciprian Muresan mit den Nebenprodukten und Überresten früherer Arbeiten. Der in der Ausstellung gezeigte Druck vereint 12 fehlerhafte Negative der damaligen Aktion. Der Moment des Scheiterns wird vervielfacht. Ironisch interpretiert Muresan auch Bas Jan Aders berührenden 16mm-Film I´m too sad to tell you (1970), in dem der Künstler 3 Minuten und 34 Sekunden lang in einem Close-up heftig weinend zu sehen ist. Muresans Zeichentrickfilm nimmt eine Perspektive aus ein paar Schritten Entfernung ein und zeigt den "wahren" Grund für den Heulkrampf: Ader schneidet Zwiebeln.

Mit einem Schiff, das er aus Karton gebaut hatte, fuhr Adrien Tirtiaux – ähnlich wie Bas Jan Ader, ebenfalls von einer Musikkapelle verabschiedet – 2008 in Sinop (Türkei) aufs Meer hinaus. Die Performance The Sinking of the Göke war nach sechs Minuten beendet, als das Schiff abrupt unterging. Anders als bei dieser Arbeit, die das Scheitern von Beginn an inkludierte, baute Tirtiaux diesen Sommer in Sint-Niklaas (Belgien) ohne Konstruktionsplan und statische Berechnungen in vier Tagen eine Brücke aus Holz von einem Gebäude zum anderen. Wäre er so wie Yves Klein bei dem Shooting für den Sprung ins Leere mit einem Sprungtuch aufgefangen worden, wenn seine Bricolage nicht gehalten hätte?
Die Projektbox Bruggen Bouwen, aus der heraus ein Leporello mit Fotos dieser Aktion raumgreift, wird in der Ausstellung erstmals gezeigt. Sie beinhaltet zudem eine gerahmte Collage, sechs Mini-DV-Kassetten mit der Videodokumentation und ein Buch, das ein Gutachten von Ingenieuren beinhaltet, das im Nachhinein erstellt werden musste, damit die Brücke stehen bleiben durfte. Eine prekäre Angelegenheit wurde durch umfangreiche Berechnungen legitimiert...

[Quelle: http://kuenstlerschaft.at]

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last modified at 02.12.2013


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