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A Tragedy About Listening

27.07.2019 - 28.09.2019

Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Salzburg / Österreich

Keine Oper / kein Regisseur / kein Ausstatter / kein Bühnenbildner / keine traditionellen Figuren / sondern / eine Tragödiendramaturgie mit beweglichen Tönen, die / einen mit Leere gefüllten Raum / lesen entdecken. Luigi Nono

Die Galerie Thaddaeus Ropac präsentiert die Ausstellung Prometheus, Eine Tragödie des Hörens, die eine der wichtigsten interdisziplinären Gemeinschaftsarbeiten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nachzeichnet. Die Ausstellung enthält Ephemera, Briefe, Partituren, Archivmaterialien und Modelle die Einblicke in die Entstehung des Projekts bieten, und den Aspekt des gemeinschaftlichen Schaffens hervorheben....

Die Oper Prometeo, Tragedia dell’ascolto [Prometheus, Eine Tragödie des Hörens] wurde von Luigi Nono nach einem Libretto des Philosophen Massimo Cacciari komponiert und basiert auf Texten zum Mythos des Prometheus, dem griechischen Helden der gegen die Götter rebellierte.

Prometheus unterscheidet sich radikal von anderen Opern, indem sie sämtliche Vorstellungen darüber was Musik „sein sollte“ in Frage stellt. Das Werk wurde am 25. September 1984 in der säkularisierten Kirche San Lorenzo in Venedig unter der Leitung von Claudio Abbado uraufgeführt. Renzo Piano konzipierte dafür eine im Kircheninnenraum konstruierte Holzstruktur und Emilio Vedova war an der Ausarbeitung der Lichtinstallationen beteiligt.

Die Arbeit an Prometheus begann Nono Mitte der siebziger Jahre, inmitten weltweit stattfindender ideologischer Kämpfe und gescheiterter Revolutionen. Als Pionier der experimentellen elektronischen Musik konzipiert er sein Stück als reine Klangerfahrung, gemäß dem von ihm erarbeiteten Konzept des spazio sentito [gehörten Raums]. Zehn Jahre später spiegelt die Umsetzung des Projekts das aufblühende intellektuelle und künstlerische Leben im Venedig der achtziger Jahre wider.

In einer kurzen Notiz an den Architekten Renzo Piano vom 6. Dezember 1983 schreibt Nono: „Keine Oper / kein Regisseur / keine Ausstatter / kein Bühnenbildner / keine traditionellen Figuren / sondern / eine Tragödiendramaturgie mit beweglichen Tönen, die / einen mit Leere gefüllten Raum / lesen entdecken.“ Auf diesen Angaben basierend entwarf Renzo Piano ein Auditorium aus Holz, das einen musikalischen Raum im Kircheninneren darstellen sollte. Die Konstruktion dieses Resonanzkörpers wurde durch das Fachwissen eines Geigenbauers und Schiffsbautechniken ermöglicht. Das Projekt revolutioniert das traditionelle Konzept des Konzertsaals, indem es das Publikum (bis zu 400 Personen) im Zentrum vorsah, während die Musiker auf mehrstöckigen Stegen ringsherum positioniert werden sollten. Das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWR konzipiert die Live-Elektronik und die akustische Infrastruktur dieser „Struktur“. Das Orchester bewegt sich während der Aufführung über Laufgänge auf und ab, wie auf einer Schiffsbrücke, während Claudio Abbado mithilfe eines Monitors dirigierte. In einer radikal neuen Form wurde die venezianische Musiktradition des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts wiederbelebt, in der verschiedene Sängergruppen an ausgewählten Stellen in Kircheninnenräumen positioniert wurden um besondere Klangeffekte zu erzielen.

Das Bühnenbild wurde während des kreativen Entstehungsprozesses immer weiter reduziert: keine Bühne, keine Figuren, keine Kostüme, keine Kulisse. Die in der Ausstellung gezeigten Zeichnungen zeigen einige ursprünglich von Emilio Vedova vorgesehene Elemente, die jedoch nie realisiert wurden. Sein Beitrag bestand letztlich in der Konstruktion von Lichtinstallationen, die die Klangwellen begleiten und das gesamte Erlebnis intensivieren sollten. Der Entwurf für Prometheus erinnert an eine immersive Installation, die Vedova für die Expo '67 in Montreal konzipiert hatte, in der er bunte Glasplatten vor Projektoren positionierte und dadurch Lichtstrahlen entstehen ließ die den Raum unterteilten. Der visuellen Schlichtheit der Inszenierung entspricht auch das Fehlen einer klassischen Erzählung. Das Libretto von Cacciari basiert lose auf Prometheus Bound von Aischylos und kombiniert unter anderen Texte von Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche und Walter Benjamin.

Prometheus wurde 1985 in einer überarbeiteten Version an der Mailänder Scala aufgeführt und 1987 beim Festival d’Automne in Frankreich vorgestellt. Es zählt heute zu den bedeutendsten musikalischen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ermöglicht wurde diese Ausstellung durch die großzügigen Leihgaben der Fondazione Archivio Luigi Nono, der Fondazione Renzo Piano, der Fondazione Emilio et Annabianaca Vedova sowie der Familie Claudio Abbado.



Luigi Nono (geboren in Venedig, 1924-1990)

Luigi Nono war einer der führenden italienischen Komponisten elektronischer und serieller Musik. Nono begann sein Musikstudium 1941 am Konservatorium in Venedig. 1950 erlangte er zum ersten Mal die Beachtung der Öffentlichkeit mit seinem Werk Variazioni Canoniche, Orchestervariationen eines Zwölftonthemas von Arnold Schoenberg, dessen Tochter Nuria er 1955 heiratete. Er befasste sich sein Leben lang mit avantgardistische Techniken und hielt über seine Forschung in Akustik zahlreiche Vorträge in Europa und den Vereinigten Staaten. Als überzeugter Kommunist komponierte Nono oft Werke mit politischen Inhalten und arbeitete mit anderen politisch engagierten Künstlern zusammen. Seine Oper Intolleranza (1960), wurde 1961 in Venedig uraufgeführt und war die erste Kollaboration mit Emilio Vedova. Die Aufführung wurde von Neofaschisten gestürmt und endete in einer Schlägerei mit den Kommunisten. Weitere politisch inspirierte Werke sind beispielsweise die dramatischen Kantate Sul ponte di Hiroshima [Auf der Brücke von Hiroshima] (1962) und Canto per il Vietnam [Ein Lied für Vietnam] (1973).

Claudio Abbado (geboren in Mailand, 1933-2014)

Claudio Abbado stammt aus einer alten Mailänder Musikerfamilie und gilt als einer der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er studierte am Mailänder Konservatorium Klavier, Komposition und Dirigieren und machte dort 1955 sein Abschluss als Pianist. Im darauffolgenden Jahr begann er Dirigieren an der Wiener Musikakademie zu studieren. Ab 1960 dirigierte er an der Mailänder Scala und wurde dort 1968 zum Musikdirektor ernannt. Diese Position hatte er inne bis er 1986 Musikdirektor der Wiener Staatsoper wurde. Abbado engagierte sich aktiv in der Politik und veranstaltet während seiner Zeit an der Scala vor den Wahlen Konzerte gegen die faschistische Partei Italiens. Ebenso veranstaltete er Konzerte für Arbeiter und Studenten, ein mit klassischer Musik und Konzertsälen wenig vertrautes Publikum. Ebenso engagierte er sich für die Förderung junger Musiker und gründet 1978 das Jugendorchester der Europäischen Union, dessen musikalische Leitung er übernahm. Abbado ist nicht nur als Dirigent klassischer Musik in die Geschichte eingegangen, sondern auch für sein Interesse an zeitgenössischer Musik. Er trug dazu bei, dass Komponisten der Avantgarde wie Luigi Dallapiccola und Luigi Nono heute zum Repertoire der großen Konzerthäuser gehören.

Massimo Cacciari (geboren in Venedig, 1944)

Massimo Cacciari ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Intellektuellen Italiens. Cacciari schloss sein Studium der Philosophie 1967 an der Universität von Padua ab, wo er auch promovierte. 1985 wird er Professor für Ästhetik am Architekturinstitut Venedig und gründet 2002 das Institut für Philosophie an der Universität Vita-Salute San Raffaele in Mailand. Cacciari war der Herausgeber von Publikationen zu Philosophie und Kultur und veröffentlicht Essays die von Autoren wie Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein inspiriert wurden. In seinen bekanntlich sehr komplexen Arbeiten kreuzen sich philosophische und theoretische Fragestellungen mit ästhetischen, aber auch politischen Positionen. Nach einer kurzen Mitgliedschaft bei Potere Operaio, einer der radikal linken Arbeiterpartei, tritt Cacciari der Kommunistischen Partei Italiens bei und wird 1976 zum Abgeordneten gewählt. 1984 verlässt er die Partei und wird 1993 Bürgermeister von Venedig, ein Amt, das er bis 2000 innehatte.

Renzo Piano (geboren in Genua, 1937)

Renzo Piano gilt als einer der ikonoklastischsten Architekten seiner Generation. Er ist vor allem für seine besondere Hightech-Ästhetik und die unermüdliche Erforschung struktureller Komplexitäten bekannt. 1964 schließt er ein Studium am Mailänder Polytechnikum mit Diplom ab. Daraufhin arbeitet er für verschiedene Architekten, darunter auch sein Vater, bevor er mit Richard Rogers eine berufliche Partnerschaft eingeht (1970-1977). Zusammen entwickeln sie ein karriereprägendes Projekt: das Centre Pompidou in Paris. Seitdem hat Renzo Piano weltweit zahlreiche Kulturinstitute entworfen und dabei stets das Umfeld der Gebäude berücksichtigt. Die Struktur, die er für Nonos Oper Prometheus entwarf, bestand aus laminiertem Holz und Stahl, wobei große horizontale, vertikale und gebogene Holzbalken die gesamte Konstruktion wie eine in sich geschlossene Struktur stützten. Ein zweites Gerüst aus Stahl hielt die Balken und stützt die Wandausfachungen. Metallstützen machten es möglich, das Parterre anzuheben und einen Raum für das Foyer zu kreieren. Die Bühne wurde zudem näher am Kirchengewölbe platziert und somit die Akustik verbessert. Die Struktur wurde zerlegt und für eine weitere Aufführung in den Depots des Ansaldo-Werks in Mailand im Jahr 1985 wieder zusammengebaut.

Emilio Vedova (geboren in Venedig, 1919-2006)

Emilio Vedova gilt als einer der einflussreichsten italienischen Künstler der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit seinen viszeralen und gestischen Arbeiten eröffnet er der Malerei neue Territorien, die den Betrachter fesseln und den beanspruchten Raum neu definieren. Seine expressiven Pinselstriche und Farbflecken vermitteln eine rohe und gewaltsame Reaktion auf die politische Realität der Nachkriegszeit. 1948 gab Vedova sein Debüt auf der Biennale in Venedig und es folgten zahlreiche weitere Teilnahmen.

1952 wurde seinem Werk ein eigener Saal gewidmet und 1960 erhielt er den Großen Preis für Malerei. Ab 1961 schuf er die Plurimi, eine Serie freistehender, schwenkbarer Malerei-Skulpturen aus Holz und Metall. Er experimentiert mit verschiedenen Materialien wie Metal und Glas, die ihm die Erforschung von Licht und Raum ermöglichten. 1960 gestaltet er Bühnenbild und Kostüme für die Oper Intolleranza und damit begann eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Komponisten Luigi Nono. Vierundzwanzig Jahre später konzipiert er die einzigartige Lichtinstallation für die Oper Prometheus.


[Quelle: www.ropac.net]

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last modified at 07.08.2019


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