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Min Yoon

Einladung: Min Yoon. 2019

21.06.2019 - 27.07.2019

Galerie Meyer Kainer, Wien / Österreich

“Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen.” 1

In seiner ersten Einzelpräsentation in der Galerie Meyer Kainer nützt und unterläuft der südkoreanische Künstler Min Yoon die räumlichen Strukturen des seit 2007 für Ausstellungen verwendeten und nach dem österreichischen Architekten Boltenstern benannten Raumes. Ausgerechnet an der mit Fenstern versehenen Wand installiert Yoon vier Bilder in den Maßen von 86 x 71 cm, die ihrerseits Räume im Schraffurstil darstellen.... Die Rahmen sind mit gehäkelten Wollstrukturen überzogen, eine zarte anthropomorphe Geste mit nachhaltig surrealem Potential. Ein Bild beinhaltet zudem eine Portraitstudie eines vom Künstler bereits mehrmals und in unterschiedlichen Zusammenhängen eingesetzten Werkzeugs Bleistift, das außerdem das Einladungskartenmotiv dieser Ausstellung stellt. Eine Wand in einem weiteren Bild zeigt Risse an und referiert auf nicht behobene Schäden am fiktionalen Gebäude und die Verletzlichkeit dessen architektonischen Beschaffenheit. Am Boden thronen auf nicht zur Gänze ausgewickelten Lederbändern zwei, durch eine gemeinsame Last verbundene, genähte und versetzt blickende Schildkröten-Skulpturen, ebenfalls aus Leder. Auch sie dienen als metaphorische Auslöser im kalkulierten Spiel der Imagination, die mehrere mögliche Narrative und Bezüge unterschiedlicher Komplexität zulassen. Konkreten Hinweisen auf eine Haupterzählung wird nicht nachgegangen, da Yoon eindeutig bestimmbaren Adressierungen ausweicht und, im Hinblick auf die Struktur der Ausstellung, um fein tarierte und zeitgleiche Bewegungen von Verschleierung wie Sichtbarmachung bemüht bleibt. Konnotationen der Transparenz werden von jenen der Skepsis abgelöst. Es wird etwas gezeigt, aber es wird auch etwas verheimlicht, das nicht sichtbar ist. Skulpturale Behauptungen werden aufgestellt, malerische Erklärungen angedeutet, eindeutig überprüfbare Autorenbeweise, aber vielleicht erst beim Hängen wieder zurückgezogen und schuldig geblieben. Diese Ausstellung ist somit durchzogen von sieht-aus-wie, fühlt-sich-an-wie und präsentiert sich als ihre eigene Mimikry. Dabei nährt sie aber in der Betrachtung auch permanent Zweifel vergleichbar jener historischen Form des Trickbetrugs, bei der eine Hütchenspieler*in drei Hütchen in einer Geschwindigkeit verschiebt, die der beobachtenden Mitspieler*in nur scheinbar die Möglichkeit lässt, den Ablauf zu beobachten und die Kugel unter dem richtigen Hut zu erraten. Indem hier unterschiedliche mediale Ebenen des Ausstellens in Relation gezeigt werden, werden sie relativiert. Die Betrachter*innen sehen die Verhältnisse, die die Ausstellung hervorruft in mystifizierenden Anklängen, ohne logische oder rationelle Bezüge. Diese Ausstellung könnte z.B. auch ein Traum, eine literarische Adaptation oder sogar kontextuelle Analyse übertrieben klischeehafter Schaffenskrisen sein. Es ist keines davon, aber es könnte jedes einzelne davon sein. Min Yoon präsentiert die Bedingungen des Ausstellens mit, beweist, dass diese heute zu weitreichend und total sind, um darin Schuldiges oder Unschuldiges auszumachen. Es gibt nur Verlangen und Angebot, wobei sich das eine im anderen untrennbar verstrickt zeigt. Was nicht bedeutet, dass jenes das verlangt, unschuldig ist und dass jenes das anbietet, schuldig ist, oder umgekehrt. Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachter*in und Werk wird mehrstufig ausmanövriert, der Künstler selbst meidet Attribute und Rollenzuschreibungen, schnürt das Format Ausstellung bewusst sehr eng, damit sie nicht nur selbst ihr ganzes performatives Potential zur Aufführung bringen, sondern letztlich doch auch die darin sehr geschickt verborgene Fülle inhaltlicher wie handwerklicher Details freisetzen kann.

Christian Egger

1 Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 21.





PRESS RELEASE

“The cognitive utopia would be to use concepts to unseal the non-conceptual, without making it their equal.” 2

In his first solo presentation at the gallery Meyer Kainer, the South Korean artist Min Yoon uses and subverts the spatial structures of the room, which has been named after the Austrian architect Boltenstern and designated for exhibitions since 2007. Ironically, Yoon installs four images in the size of 86 x 71 cm, on the wall containing window niches, which in turn depict rooms in hatching style. The frames are covered with crocheted woolen textures, a delicate anthropomorphic gesture with lasting surreal potential. One picture also contains a portrait study of a tool that already has been used by the artist several times and in different contexts – a pencil – and which also provides the motive for the invitation card of this exhibition. A wall in another picture indicates cracks and refers to damages to the fictitious building left in disrepair and the vulnerability of its architectural structure. Perched on not entirely unrolled leather straps on the floor are two sewn leather turtle sculptures, conjoined by a common load and facing in different directions. They also serve as metaphorical triggers in the calculated play of the imagination, which allow for several possible narratives and references of varying complexity. Concrete references to a main narrative are not pursued as Yoon evades distinctly assignable forms of address and, with regard to the structure of the exhibition, strives for finely tared and simultaneous movements of concealment and visualization. Connotations of transparency are replaced by those of skepticism. There is something that is shown, but there is equally something being concealed that is not visible. Sculptural statements are made, painterly explanations suggested, unambiguously verifiable author proofs; yet perhaps withdrawn only during the mounting of the exhibition and left wanting. This exhibition is thus pervaded by a sense of ‘looks-and-feels-like’, presenting itself as its own mimicry. But in this process it also permanently feeds the doubt, comparable to the historical form of the trick routine cups and balls, in which a performer moves three cups in such speed that only seemingly allows the observing teammates to memorise the procedure and the ball below to identify the correct cup. By presenting different media levels of exhibiting in relation, they are relativized. The observers see the conditions that the exhibition evokes in mystifying echoes, yet without logical or rational references. This exhibition could for instance also be a dream, a literary adaptation or even a contextual analysis of melodramatically clichéd creative crises. It is none of those, yet it could be any one of them. Min Yoon presents the conditions of exhibiting along with the exhibition, proving that today they are too far-reaching and total in order to identify the culpable or innocent. There is only desire and supply, with the one being inseparably entangled in the other. What does not imply that, which desires is innocent and that, which offers to supply, is culpable, or vice versa. The separation between subject and object, between observer and work is outmanoeuvred on multiple levels; the artist himself eschews attributes and role ascriptions, deliberately constricting the format of the exhibition so that it is able not only to unfold its own performative potential, but ultimately also to release the adroitly concealed abundance of detail with regard to subject matter and craft.

Christian Egger

2 T.W. Adorno, Negative Dialectics, p. 10.


[Quelle: www.meyerkainer.com]

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last modified at 28.10.2019


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