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Fabian Seiz. tuli

Einladung: Fabian Seiz. tuli. 2018

27.04.2018 - 16.06.2018

unttld contemporary, Wien / Österreich

Ein "Potlatch" ist ein spezielles Ritual einiger Stämme kanadischer und nordamerikanischer Ureinwohner. Im Rahmen eines solchen Festes werden großzügig Geschenke gemacht oder wertvolle Gegenstände intentional zerstört. Das Schenken bzw. Zerstören steigert das Ansehen und den soziale Status des Schenkers nicht nur im Diesseits, sondern läßt ihnauch im Jenseits in der Welt der Ahnen in der Hierarchie der Ewigkeit aufsteigen. Die verschiedenen Stammeshäuptlinge und -mitgliederversuchten dabei oftmals, sich gegenseitig zu überbieten, was mitunter ruinöse Folgen für einzelne Familien und ganze Stämme hatte.... Weisse Missionare sorgten dafür, dass dieses unregelmäßig abgehaltene Fest bis in die 1950er Jahre in Canada verboten wurde.
Vor allem der Aspekt der ideellen Aufwertung und "Wertsteigerung" durch willentliche Destruktion fasziniert den Künstler Fabian Seiz an dieser eigentümlichen indianischen Tradition. Auch durch sein eigenes künstlerisches Werk zieht sich eine massive und stete "Spur der Zerstörung". Manchmal verarbeitet er gefundene Objekte, die bereits kaputt sind, manchmal zerstört er vorsätzlich Gegenstände, um sie weiter bearbeiten zu können. Er transformiert Objekte, um sie von einem Aggregatzustand in einen anderen zu versetzen. Energien werden dabei einerseits freigesetzt und andererseits gespeichert. Intakte ready mades kommen in seinem Werk nicht vor, die Zerstörung ist für Seiz eine unbedingt notwendige Voraussetzung für seine künstlerische Praxis. Seine aus Bruchstücken de-konstruierten und assemblierten Objekte sind meist asymmetrische und fragile poetische Formfindungen und Materialkombinationen. Jedes Werk stellt ein Individuum mit einem eigenen Charakter vor, eine eindeutige Einheit,
die jedoch aus Vielheiten besteht.

In der aktuellen Ausstellung sind einige Objekte und Bilder zu sehen, bei denen Seiz das Material Pappmaché einsetzt. Dieses ärmliche Material ist den meisten wohl noch aus dem Werkunterricht bekannt, im professionellen Kunstsektor wird es kaum eingesetzt. Anstatt alter Zeitungen verarbeitet Seiz seine eigenen Skizzenblöcke der letzten Jahre zu Pappmaché. Erinnerungen an die Zeichnungen in den Skizzenblöcken hat natürlich nur der Künstler selbst. Der Rest der Welt hat die Skizzen nie gesehen und wird sie auch nie mehr sehen können. Sämtliche originalen Informationen sind nach wie vor in den Blättern erhalten, durch die maximale Komprimierung sind sie allerdings nicht mehr zu entschlüsseln.
Die radikale Material-Transformation überführt die einstigen Skizzenblätter in einen frei formbaren Werkstoff. Seiz wirft nichts weg, das Recycling des eigenen Frühwerks ermöglicht es ihm, auf alte Arbeiten und Ideenskizzen zurückzugreifen und trotzdem gänzlich neue Werkkomplexe damit zu gestalten. Die gezielte Wiederverwertung geschieht nicht in erster Linie aus ökonomischen oder ökologischen Gründen, sondern aus ästhetischen und konzeptuellen Überlegungen. Das neu gewonnene Material ist ein maximal verdichteter Speicher der Erinnerung. Seiz zerreißt die einzelnen Blätter in kleine Stücke und vermischt sie mit Tapetenkleister und Leim. Die daraus entstehende schleimige Masse wird von ihm zu starken Kartonplatten gepresst, die eine raue, unregelmäßige und vielfarbige Oberfläche aufweisen. Die Auflösung des Papiers führt nicht zu einer Auslöschung des Vorhandenen, sondern zu dessen extremer Verdichtung.

Der Auflösungsprozess referiert auch auf die George Batailles formulierte Idee des "informe", des Formlosen. Allerdings beläßt Seiz es nicht bei der Formlosigkeit, sondern zwingt das feuchte Unförmige wiederum in neue, ausgetrocknete Formen. Die Formlosigkeit und das "Unreine" des Materials dient ihm nur als Zwischenstadium in einem mehrstufigen Arbeitsprozess. Die "materielle Obsoleszenz" (Gabriele Jutz) des "Roh"-Materials findet sich nicht nur in dieser, sondern in nahezu allen Arbeiten von Seiz. Er bevorzugt Materialien, die sichtlich bereits intensiv benutzt wurden und eigentlich bereits "Schrott" oder "Müll" sind. Er "rettet" diese obsoleten Objekte und verhilft ihnen zu einem Nachleben in fragmentarisierter Form. Er benutzt etwa einzelne Teile von alten Holzmöbeln oder Musikinstrumenten, die er ungewöhnlich miteinander kombiniert. Beim Pappmaché treibt er die Fragmentarisierung auf die Spitze, es bleiben nur winzige Partikel als kleinste Formeinheit.

Seiz setzt Materialien selten so ein, wie es üblich und gebräuchlich ist, und so verhält es sich auch mit dem Pappmaché. Was ihn interessiert, ist die "malerische Qualität" und die Faktur des Materials. Er erprobt dessen Einsatz gleich in einer Reihe von unterschiedlichen Anordnungen.

Fabian Seiz ist ein Künstler, der mit einer spielerischen Lust an die Arbeit geht. Seine unglaubliche Produktivität ist ein Indiz dafür, dass es ihm großen Spaß bereitet, Dinge zu zerstören und neu zusammen zu setzen. Seiz Werk ist überaus vielgestaltig und läßt sich weder über ein bestimmtes Material, noch über eine bestimmte Technik definieren. Was sich jedoch klar in seinem gesamten Oeuvre abzeichnet, ist sie Freude am Handwerklichen und sein spezieller Humor - der sich unter anderem auch in den originellen Werktiteln wieder findet.
(Text: Norbert Pfaffenbichler, 2018)

[Quelle: Einladung]

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last modified at 16.05.2019


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